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Unsere zweimotorige Douglas-Maschine glich in ihrem Innern mehr einem Lastschiff als einem Flugzeug. Den meisten Platz beanspruchte der aus verbeultem Blech bestehende Laderaum, wo zwischen Gemüsekörben, aneinander gebundenen Truthähnen und Büscheln halbreifer Bananen teilnahmslos ein paar Indios hockten. Dass sie nicht wie wir aus den Fenstern sahen, ersparte ihnen vielleicht Angst und Schrecken, denn unter uns wirbelten graue Wolkenfetzen und grüner Urwald in einer Weise vorbei, dass einem übel werden konnte. Dann beschrieb die Maschine minutenlang einen riesigen Kreis, um jäh wie ein Raubvogel niederzustossen und die Piste anzugehen, bevor sich der gewittrige Himmel wieder schloss.

Als wir hart auf einer Grasnarbe. aufsetzten, rebellierte der Magen zum letzten Mal, während der Steward gleichgültig wie ein Trambahnschaffner ausrief: „Seniores, la ruinas de Copán!"

Zeitzeugen der Mayas

Mühsam kroch ich aus der Luke und schob mich durch eine Menschenmenge, die auf dem Flugplatz umherstand, die bescheidene Sensation der Woche. zu genie8en oder um auf einen Gruß aus der weiten Welt zu hoffen. Unser Pilot tankte indessen aus bereitstehenden Fässern zum Weiterflug auf. Die Luft war feuchtwarm und angereichert mit Jenem unnennbaren Duft aus sich öffnenden Blüten und faulenden Früchten - jenem geheimnisvollen Geruch, der typisch für die Tropen ist.

Was heute Copán heißt, umschließt ein kleines Kirchspiel, zum größten Teil von den Spaniern aus den Resten einer Stadt erbaut, die einst zu den strahlendsten des Mayareiches gehörte. Wie so manche ihrer Schwestern zwischen Südmexiko und Guatemala hatte sie rund 500 Jahre bestanden, bevor sie aus unerklärlichen Gründen von ihren Bewohnern verlassen und bald darauf vom Urwald verschlungen wurde. Waren es Nahrungssorgen, die zum Auszug führten? Oder gab Bruderzwist den Anlass dazu? - Wir werden es kaum mehr erfahren, denn alle Spuren sind inzwischen vernichtet.

Nach einem Dornröschenschlaf von nochmals gut 500 Jahren ist dann das alte Copán wieder ans Licht der Sonne gestiegen und gleich zweimal berühmt geworden: im Jahr 1841 durch die Schilderung seines Wiederentdeckers, des New Yorker Juristen John Lloyd Stephens, der mehr vom Reisen als vom Prozessieren hielt, und in unseren Tagen, als Kurt Marek-Ceram die Geschichte der Archäologie wie einen spannenden Roman erzähl Oben: Der Weg vom Ort Copán zu den Mayaruinen war einst eine heilige Straße; davon zeugen heute noch verschiedene Bildsäulen. Die meisten stammen aus dem 8. Jahrhundert.

Ein besonderes Verdienst der Ausgräber ist es, dass sie die Kunstwerke in Copán und seiner Tochterstadt Quirigua in Guatemala zwar freilegten, im Übrigen aber fast alles so beließen, wie Stephens es vorgefunden haben mochte. Nur der Fluss, an dem die Stadt lag, der Rio Copán, musste mühsam umgeleitet werden, da sein Wasser einen Teil der Ruinen bedrohte.

Heute führt zu ihnen vom Flugplatz ein schmaler Pfad; die Spur durch taufrisches Gras ist gesäumt von Zitrusbäumen, die in ihrer Unberührtheit an die gotischen Paradiesgärten flämischer Maler erinnern. Aus der düsteren Geschlossenheit eines Waldes dringt Vogelgezwitscher; man erspäht die großen, bunten Schwingen unbekannter Sänger' oder pfeilschnell dahinfliegende Papageien. Unter den hohen Bäumen herrscht die Caiba vor, der heilige Laubträger des alten Amerika, der zwar keinen Nutzwert mehr hat, aber unter seiner Krone der Bevölkerung eines ganzen Dorfes Schatten spenden kann.

Nach wenigen Minuten mündet der Weg in eine Lichtung; wir betreten den Zeremonienplatz, auf dem einst die religiösen Feierlichkeiten stattfanden und auf dem all jene Stelen in den Himmel blicken, um derentwillen wir die weite Reise unternahmen. Auch sie stehen jetzt auf einer Wiese; nördlich von ihnen breiten sich die wie für alle Ewigkeit gefügten Mauern aus, die der Ort der Götter und ihrer irdischen Vertreter, der Priesterkönige, waren.

Kalenderstadt Copán

Heute weiß man, dass diese Ansiedlung im Jahr 460 n. Chr. gegründet wurde und während ihrer langanhaltenden Blütezeit eine Fläche von etwa 30 Hektar bedeckte, also eine stattliche Gemeinde war. Sie bestand aus einer Reihe von Baugruppen, die - ein Kennzeichen der Mayakultur - durch hervorragende Straßen miteinander verbunden waren. Die hügelige Umgebung in rund 600 Metern Höhe über dem Meer und der zu ihren Füßen sich schlängelnde Rio Copán, schenkten der Stadt alles, was für die Existenz ihrer Bewohner nötig war, Das übrige brachten die Pilger, die zu den zahlreichen Festtagen kamen, ihre frommen Opfergaben entrichteten und einen Warenaustausch begünstigten, der die Stadt zugleich in einen Marktplatz verwandelte. So entstand um sie herum ein Kranz von ebenerdigen Hütten aus ungebrannten Lehmziegeln, während die domhohen Pyramiden und Paläste aus härtestem, bestem Stein bestanden.

Copán war - nach Tikal - die zweitgrößte aller Mayastädte im Petón-Urwald und in Fragen der Astronomie anscheinend besonders zuständig. In Copán wimmelt es geradezu von Stelen, den ,,Meilensteinen des Mayakalenders“. Das sind bis zu vier Meter hohe, oft viele Tonnen schwere Pfeiler aus hartem Kalkstein, die zur Erinnerung an gewisse kalendarische Jubiläen errichtet wurden * erst in größeren Zeiträumen, dann in Abständen von 20 Jahren.

Der Laie erkennt an den Stelen zunächst, dass sie zu Ehren gewisser Persönlichkeiten errichtet wurden - bestimmter Männer, die sich um Stadt und Land verdient gemacht hatten. Wir sehen sie in prunkvollen Gewändern dargestellt, mit Schmuck behängt und mit phantastischen Hauben auf dem Kopf, die sie als Priesterkönige kennzeichnen. Die nicht mit solchen Porträts bedeckten Seiten der Pfeiler sind mit Glyphen angefüllt * mit den Kalenderzeichen, die heute völlig entziffert sind, im Gegensatz zu den wohl heilige Formeln haltenden Texten.

Die Gesichter der Stelen strömen eine uns fremde Festlichkeit aus. Sicher ist es voreilig, sie mit den Totempfählen der nordamerikanischen Indianer zu vergleichen; aber sie müssen diesen ähnlich gewesen sein, da auch sie über und über bemalt waren. Jede Farbe hatte übrigens ihre eigene kultische Bedeutung, was bis heute in den bunten Trachten von Guatemala. nachschwingt. Stelen wurden an jedem wichtigen Kultort aufgerichtet; die von Copán aber nehmen auch kunstgeschichtlich eine besondere Stellung ein, da ihre Gestalten den gegebenen Rahmen des Pfeilers zu sprengen scheinen und der Vollplastik entgegen streben. Das verleiht ihnen jene Lebendigkeit, die sich dem Betrachter für immer einprägen wird. (Eugen Kusch)