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Henry Dunant erzählt von der Gründung des roten Kreuzes

Wie der Schweizer Henri Dunant 1864 das Rote Kreuz gründete

Die Schlacht bei Solferino

Jeder kennt das Zeichen des Roten Kreuzes. Viele Schulkinder haben schon an den Segnungen dieses Hilfswerkes teilgehabt, an der Kinderspeisung oder einer Kinderlandverschickung. Aber vielleicht habt ihr selbst auch einmal Gelegenheit, dem Roten Kreuz zu helfen, z.B. bei Sammlungen für in Not  geratene Menschen in aller Welt. Sehr viel hat das Rote Kreuz getan für Kranke, Verwundete, Gefangene und Hinterbliebene.

Henri Dunant, ein Kaufmann aus Genf, opferte seine ganze Kraft und seinen gesamten Besitz, um dieses Liebeswerk für alle Notleidenden zu schaffen. Im Jahre 1901 erhielt er die höchste Auszeichnung, welche für solche Taten verliehen wird, den Friedens-Nobelpreis. Eine Klasse von deutschen Schulkindern gratulierte dem damals 73-jährigen Menschenfreund und bat ihn, doch einmal zu schreiben, wie er das Rote Kreuz ins Leben gerufen habe. Dunant antwortete sofort aus Heiden am Bodensee, wo er seinen Lebensabend verbrachte:

Gern will ich Euch erzählen, wie ich dazu gekommen bin, dieses Hilfswerk zu schaffen, das sich Rotes Kreuz nennt. Es war im Juni 1859, als ich von Genf aus eine Geschäftsreise nach Oberitalien antrat. Zwischen Italien und Österreich war damals ein Krieg ausgebrochen. Als neutraler Schweizer hatte ich unsere Landesflagge, das weiße Kreuz auf rotem Grunde, am Sattelzeug meines Pferdes befestigt.

Am Morgen des 25.Juni kam ich zu dem Schlachtfeld bei Solferino, wo am Vortage eine der schrecklichsten Schlachten des Krieges getobt hatte.

3ooooo Soldaten hatten gegeneinander gekämpft, und 4oooo Verwundete, Sterbende und Tote lagen nun auf dem Schlachtfeld. Trupps von italienischen Bauern begannen bereits, die Toten in großen Massengräbern zu verscharren. Für die vielen Verletzten aber gab es kaum eine Hilfe; denn nur wenige Feldärzte und Sanitätssoldaten versorgten die Soldaten ihrer Truppe.

Keine Versorgung von Verletzten

Ich war entsetzt über das, was sich vor meinen Augen abspielte. Tausende lagen da in der Sonnenglut, ohne Hilfe. Verblutende stöhnten oder schrien nach Wasser. Ich half, wo ich konnte. Bald aber war meine dickbauchige Weinfasche leer, und die wenigen Tücher, die sich zum Verbinden eigneten, gingen zu Ende. Ich sah ein, dass ich allein machtlos war gegenüber dem tausendfachen Elend.

Da warf ich mich auf mein Pferd und ritt hinunter zur nächsten Stadt. Das ganze Grauen des Krieges hatte mich gepackt. „Kommt und helft!“ rief ich den Italienern in ihrer Sprache zu. Schnell richtete ich einen Hilfsdienst ein. Ich suchte Menschen zusammen, welche die erste Hilfe leisten konnten, ebenso Fuhrwerke, welche die Verwundeten abholten. Zunächst wurden die Verletzten in der Kirche untergebracht. Auf meine Bitten hatten sich Frauen, Männer und Kinder eingefunden, um zu kochen, Wasser zu holen, Essen zu verteilen, die Kranken zu waschen und zu pflegen.

Bald mangelte es an Platz. Die Verwundeten mussten in die Häuser der Stadt gebracht werden. Doch wenn es österreichische Soldaten waren, hieß es immer: ,,Nein, unsern Feinden helfen wir nicht!" Dann erzählte ich die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, der auch nicht nach Freund oder Feind gefragt hatte, und bald siegte das Mitleid mit dem ,,Feinde". Nach wenigen Tagen schon sagten die italienischen Frauen: „Tutti fratelli“ (alles unsere Brüder).

Nun schrieb ich eilends an meine Freunde in der Schweiz, sie möchten helfen und Verbandzeug und Geld schicken. Inzwischen war ich in die Nachbarstädte geeilt, um auch hier Lazarette einzurichten und Helfer zu sammeln. Eine große Gemeinschaft von hilfsbereiten Menschen war auf einmal am Werke.

Gründung in Genf

Bald konnte ich nach Genf zurückkehren; doch der Gedanke an die Furchtbarkeit des Krieges verließ mich nicht: Kriege müssten verhindert werden. Wenn dies nicht gelang, sollte wenigstens Vorsorge getroffen werden, ihre Schrecken zu mildern. Freiwillige Helfer sollten sich schon in Friedenszeiten zusammenfinden. Diese müssten gut geschult und ausgerüstet werden. - Meine Vorschläge überreichte ich allen Staatsoberhäuptern. Ich hatte Erfolg. Am 22. August t864 traten im Rathaus zu Genf die Abgesandten von 12 Staaten zusammen: das „Internationale Rote Kreuz“ wurde gegründet. Als gemeinsames Abzeichen wählte man das Schweizer Landeswappen, nur mit umgekehrten Farben: ein rotes Kreuz auf weißem Grunde. Allen seinen Trägern bietet dieses Zeichen nun Schutz.

So hatten sich zum ersten Male Vertreter vieler Völker an einen Tisch gesetzt, um gemeinsam die Nöte des Krieges zu lindern. In allen Ländern der Erde stehen seither Männer und Frauen des Roten Kreuzes in Krieg und Frieden bereit, zu helfen, ohne nach Freund oder Feind zu fraget Versucht schon Ihr, liebe Kinder, daran mitzuwirken, dass die Menschen in Frieden und Freundschaft miteinander leben. Lernt Eure Kameraden in andern Ländern kennen, schreibt ihnen, wie Ihr mir geschrieben habt, seid hilfsbereit! Erst dann wird sich das große Werk des Roten Kreuzes vollenden.

Glückauf zu Eurem Beginnen!

Euer Henri Dunant