Weizen für Rom: Schiffsgiganten der Cäsaren

Lukians Bericht

Das konnte doch nicht wahr sein! Voller Unglauben schüttelte Lukian den Kopf. "Sogar noch größer als die Tempel der Akropolis?" Der Bericht, in dem sein Freund ihm von einem riesigen römischen Schiff erzählte, klang ziemlich fantastisch. Der Sturm sollte es angeblich in den Hafen Athens verschlagen haben. Nach der ägyptischen Schutzgöttin sollte es Isis heißen. Schließlich wurde der griechische Dichter dann aber doch neugierig. Er wanderte hinab zum Piräus. Dort war er tatsächlich so beindruckt von dem Anblick, der sich ihm dort bot, dass er begeistert davon berichtete: ,,Welche gigantische Größe! Sechzig Meter hatte das Schiff in der Länge und fünfzehn Meter in der Höhe vom Dach bis hinunter zum Kiel. . . Die Mannschaft war so groß wie eine Armee. . . Der Riese trug genügend Weizen, um die Bevölkerung von ganz Athen für lange Zeit satt zu machen. . ." So steht es in Lukians Schilderung, die er um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. niederschrieb.

Analyse antiker Texte

Als sich in moderner Zeit Wissenschaftler mit dem antiken Text befassten, schüttelten wohl auch sie ungläubig den Kopf. Lukians Angaben mussten ja bedeuteten, dass die Isis rund 1300 Tonnen Getreide befördern konnte. Dabei musste sie eine Wasserverdrängung von 2000 Tonnen haben. Das war schier unvorstellbar! Denn man muss wissen, dass in moderner Zeit vor der Mitte des 19.  Jahrhunderts keine Werft ein ähnlich großes Schiff bauen konnte. Nun, da musste Lukian sicherlich übertrieben haben! – Doch auch der römische Gelehrte Plinius der Ältere, ein Mann von hervorragender  Beobachtungsgabe war, erwähnt ein sogar noch größeres Segelschiff. Der Frachter, der den heute vor dem Petersdom in Rorn stehenden Obelisken aus Ägypten heranschaffte, hatte offenbar zusätzlich noch 1300 Tonnen Getreide geladen. So steht es bei Plinius zu lesen. Der Obelisk auf dem Petersplatz aber wiegt bereits 500 Tonnen!

Da blieb nur eine Erklärung: Beim immer wieder neuen Abschreiben der uralten Texte mussten sich durch Jahrtausende hindurch eben Fehler eingeschlichen haben. Die Zahlenangaben waren schlichtweg falsch. Viele Gelehrte teilten diese Ansicht. Doch dann fanden griechische Schwammtaucher das Wrack, eines antiken Schiffes. Es lag auf dem Meeresgrund vor der Insel Antikythera, zwischen Kreta und dem griechischen Festland. Und es trug eine riesige Ladung griechischer Kunstwerke aus Bronze und aus Marmor. Ein paar Jahre darauf folgte erneut die Entdeckung einer ähnlichen Schiffsfracht vor der tunesischen Stadt Mahdia. Nun begann man zu ahnen, dass der Grund des Mittelmeeres wohl noch manches Geheimnis bergen würde. Und als die Franzosen Jacques-Yves Cousteau und Emile Gagnan in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges das Pressluftatemgerät entwickelten, wurden immer mehr versunkene Schiffe aus der Antike entdeckt.

Unterwasser Archäologie

Rund hundert Namen bezeichnen heute Orte an allen Küsten des Mittelmeeres, an denen Wracks aus griechischer und römischer  Zeit die Jahrtausende auf dem Meeresgrund überdauerten. Dabei ist erst ein kleiner Teil der Küsten erforscht! Jedes Jahr bringt neue Entdeckungen.

Aus der Kooperation von Forschern und Sporttauchern entstand der neue Wissenschaftszweig der Unterwasserarchäologie.  Einige der gefundenen Wracks sind bereits erforscht, ihre Schätze und die noch erhaltenen Reste der Schiffsrümpfe gehoben.

Die Funde auf dem Meeresgrund helfen den Archäologen bei der Erforschung von Schifffahrt und Seehandel der Antike, von denen man bis jetzt nur wenig wusste. Staunend stellten die Gelehrten fest: Einige der versunkenen Schiffe konnten tatsächlich fast tausend Tonnen Ladung tragen! Diese Feststellung und neue, durch die Entdeckung auf dem Meeresgrund gewonnene Kenntnisse von der Bauweise der antiken Schiffe beseitigten viele Zweifel an den Größenangaben in Lukians und Plinius' Berichten.

Der amerikanische Archäologe Lionel Casson begann sich nun mit der Geschichte der fast sagenhaften Schiffsgiganten der römischen Cäsaren zu befassen. Aus Angaben in antiken Schriften und Berichten über Funde auf dem Meeresgrund baute er diese Geschichte auf, wie der Kriminalist Indiz um Indiz zu einer umfassenden Beweiskette fügt.

Lebensmittel für Rom

Diese Riesenschiffe bildeten eine Armada von etwa 85 Weizentransportern, deren Bau und Unterhaltung eine organisatorische und technische Leistung Roms waren - eine Leistung, die der Errichtung der großen Straßen und Viadukte ebenbürtig ist. Über eine Million Menschen lebten um Christi Geburt in den Prachtvillen und Hochhäusern Roms. Die Landwirtschaft Italiens konnte nur einen kleinen Teil von ihnen ernähren, denn noch kannte man weder Fruchtwechsel noch künstliche Düngung. Mehr als 500 000 Tonnen Getreide mussten zur Versorgung Roms jedes Jahr vermahlen und verbacken werden.

300 000 Tonnen Weizen schafften Frachter von Sizilien, Nordafrika und Spanien jährlich nach Ostia; aber das genügte nicht, denn aus anderen Gebieten erreichten die Stadt nur einige zehntausend Tonnen. Ägyptens nilgedüngter Boden brachte überreiche Ernten und konnte die noch fehlende Menge von 150 000 Tonnen liefern.

Riesige Transportschiffe

Doch die Verschiffung nach Rom bereitete Schwierigkeiten. Die Frachter segelten schwer beladen gegen widrige Winde von Alexandria aus nach Norden und an Kreta und Malta vorbei über Syrakus durch die Meerenge von Messina.

Sie fuhren fünfzig bis siebzig Tage. So konnten sie jeden Sommer nur ein- bis zweimal den Weg von Alexandria  nach Rom machen. Im Winter wurde die Schifffahrt eingestellt, da der Seemann des Altertums noch keine nautischen Instrumente besaß. Die römischen Kaiser hatten die Wahl, eine riesige Flotte von kleinen Schiffen oder einige Dutzend Schiffsgiganten für den Weizentransport einzusetzen, sollte die Stadtbevölkerung nicht hungern. Augustus entschied sich für Schiffsgiganten und ließ mit dem Bau der Weizenflotte beginnen. Sie fuhr bis gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Das Ziel der Reisen der großen Schiffe war erst Puteoli, eine blühende Hafenstadt bei Neapel, die einst an der Stelle des heutigen neapolitanischen Vorortes Pozzuoli stand - später dann Ostia, nachdem Kaiser Claudius an Stelle des alten, ständig vom Tiber mit Sand und Schlamm zugeschütteten Naturhafens der Stadt dort große, künstliche Hafenanlagen hatte errichten lassen.

Jubelnde Römer begrüßten die ersten Weizensegler, die nach einem langen Winter, in dem das Brot in Rom knapp geworden war, dort anlegten. Die Archäologen haben das Ostia dieser Zeit wieder ausgegraben und dort viele Mosaiken freigelegt, die antike Künstlern zur Ehre der Schifffahrt einst gestalteten. Unter den auf dem Meeresgrund entdeckten Wracks ist zwar bis 1964 noch keins eines Seglers der großen Weizenflotte; doch vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis Froschmänner auf das erste davon stoßen.

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